BEGEGNUNGEN – oder: „SMer ficken nicht“

Von Valérie Francès-Pecker
Voraussichtliche Lesedauer: 5 Minuten
BEGEGNUNGEN – oder: „SMer ficken nicht“
BEGEGNUNGEN – oder: „SMer ficken nicht“
5
(13)

Brauchen Fetischisten keinen normalen Sex?

Nor­ma­ler Sex ist mir zu lang­wei­lig. Das war er schon immer. Man trifft jeman­den und spielt das alte Balz­spiel­chen; man geht ins Kino oder Essen, irgend­wann die ers­te Berüh­rung, er legt einen Arm um dich, irgend­wann der ers­te Kuss. Alles läuft dar­auf hin­aus, dass er dich ficken will. Und beim drit­ten oder vier­ten Date sagst du "ja". Er poppt dich und spritzt irgend­wann ab. Wenn du Glück hast, kommst du auch zum Höhe­punkt. Und fragst dich hin­ter­her: "Wozu mache ich das eigentlich?!"


Eronite empfiehlt dir
Das Dating 3.0 – Die Zukunft des Dating


SMer ficken nicht, sagen ein­ge­fleisch­te Anhän­ger der Sze­ne. Aber stimmt das? Ist es wirk­lich wahr, dass unter den "Per­ver­sen" kein Bedarf an nor­ma­lem Sex besteht?

BEGEGNUNGEN – oder: „SMer ficken nicht“

Was bringt es mir?!

Viel­leicht lässt du das gan­ze Vor­ge­plän­kel auch weg, steigst mit dem, der dich inter­es­siert, direkt in die Kis­te. Und fragst dich dann wie­der: "Was hat mir das jetzt eigent­lich gebracht?"

So ging das mir zumin­dest immer. Vie­le Jah­re hat­te ich ger­ne und viel Sex mit ver­schie­de­nen Män­nern. Aber der Hun­ger, der mich antrieb, der ließ sich nicht stil­len. Nie. Bis ich den SM für mich fand.

Ich war 22 Jah­re jung, als ich mei­ne ers­te Ses­si­on hat­te. Eine Ses­si­on, die geprägt war vom Füh­len, vom Erle­ben, bei der es nicht zum Sex kam. Nicht mal zum Höhe­punkt, für kei­nen von uns. Und es war toll. End­lich hat­te ich eine Form der Sexua­li­tät ent­deckt, bei der es sich nicht um Sex dreh­te. Nicht um Gier, nicht um Lust- und Trieb­be­frie­di­gung, nicht um Orgas­men. Hier ging es um die "ande­re" Sei­te, um all die ande­ren Gefüh­le, die noch in uns ste­cken, aber so oft so sehr ver­nach­läs­sigt wer­den. Angst, Hin­ga­be, Schmerz und – Lie­be. Ja, Lie­be. Denn SMer ficken nicht. Oder?

Die wundervollste Zeit meines Lebens

Es folg­te eine wun­der­vol­le Zeit in mei­nem Leben. Eine, in der ich end­lich glaub­te, ange­kom­men zu sein. Nun bräuch­te ich das nicht mehr – ande­re Män­ner. Nun war ich ja end­lich ange­kom­men und hat­te gefun­den, was ich mein Leben lang gesucht hat­te. Mein Hun­ger war end­lich gestillt – dach­te ich. Aber was soll­te ich mich täuschen…

Nach dem SM kam die Rou­ti­ne, nach der Rou­ti­ne kam der All­tag. Irgend­wann kam er wie­der – der alte "Hun­ger". Doch ich hat­te mich ver­än­dert, ent­wi­ckelt. Und selbst, wenn ich in einer ehr­li­chen Part­ner­schaft lebe, was woll­te ich denn eigent­lich? Sex mit Frem­den? Nein dan­ke. Das hat­te mich schon frü­her nicht erfüllt und wür­de es auch heu­te nicht tun.

Durch mei­ne "SM-Kar­rie­re" war ich irgend­wann an einem Punkt ange­langt, an dem ich nicht nur den Sex, son­dern die Lust im Gan­zen ablehn­te. War­um das so war, konn­te ich gar nicht beant­wor­ten. "Ich bin SMe­rin", war immer mei­ne Aus­sa­ge, "und SMer ficken nicht".

Ich hat­te das gro­ße Glück, einen wei­te­ren Part­ner zu fin­den, der mei­ne Mei­nung teil­te. Wie­der hat­te ich das Gefühl, "ange­kom­men" zu sein. Und wie ein Puz­zle­stück pass­te er sich in mein Leben ein, als jemand, der mich und mei­ne Sexua­li­tät ver­stand, des­sen Ziel weder Geschlechts­ver­kehr noch Orgas­men waren, für den der SM eben­so ele­men­tar war wie für mich und den ich ohne Zögern als Gefühls­jun­kie bezeich­nen wür­de – jemand der auf der Suche nach Emo­tio­nen und Erle­ben war – und nicht nach Sex. Denn SMer ficken nicht – eigent­lich. Oder was nun?

BEGEGNUNGEN – SMer ficken nicht

Polygam oder polyamor?

Zu die­sem Zeit­punkt bezeich­ne­te ich mich selbst zum ers­ten mal als "poly". Poly­amor zu sein, das ist in heut­zu­ta­ge, beson­ders als SMer. Jeder zwei­te von uns sagt das mit einer Selbst­ver­ständ­lich­keit, so dass fast Zwei­fel auf­kom­men mögen, dass es noch ande­re Lebens­sti­le gibt – geschwei­ge denn wel­che, die in Ord­nung sind. Doch poly? Aber SMer ficken nicht, oder etwa doch? Poly – ein Wort, das mei­ner Mei­nung nach aber alle­mal bes­ser klingt als "Fremd­gän­ge­rin", denn die war ich frü­her, in den Bezie­hun­gen, die dar­an zer­bra­chen. Poly­amor – ein Wort, das mir aber auch gehol­fen hat, mich selbst zu akzep­tie­ren. Ein Wort, das mei­nen Hun­ger beschreibt, der Hun­ger, der sich nicht stil­len lässt, es nie­mals wird.

Zu groß ist mei­ne Lust auf frem­de Haut, und bei jedem neu­en Mann, der mei­nen Weg kreuzt, der mein Inter­es­se weckt, weiß ich es vor­her. Dass es wie­der pas­sie­ren wird. Dass auch er nicht der letz­te blei­ben wird.

… und der Hunger hört nie auf!

Den­noch: Nor­ma­ler Sex ist mir zu ordi­när. SMer ficken nicht. Oder eben anders. Das war immer schon so. Nichts gäbe es mir, einen süßen Boy in einer Bar auf­zu­rei­ßen und ihn ein­fach so zu ver­na­schen wie jeder Vanil­la oder Sti­no. Oft sit­ze ich den inter­es­san­tes­ten Men­schen gegen­über, bei denen die Che­mie stimmt und alles zu pas­sen scheint. Und dann fra­ge ich mich, was ich mit ihnen soll­te. Sie sind kei­ne SMer und ich bin kein Vanil­la. Wenn ich vor­her schon weiß, dass ich nicht satt wer­de, dann brau­che ich nicht zu essen.

Die wahre Macht der unstillbaren Gier – denn SMer ficken eben doch, aber anders!

So bin ich auf der ewi­gen Suche nach dem Erle­ben, nach dem Kopf­fick, nach dem Gefühl und nach ech­ten Emo­tio­nen. Ich habe gelernt, die Men­schen, die dabei mei­nen Weg kreu­zen, ob bewusst oder unbe­wusst, als Berei­che­rung zu emp­fin­den. Die meis­ten von ihnen ver­las­sen mei­nen Weg nach kur­zer Zeit wie­der, und das ist auch okay. Der Augen­blick steht im Vor­der­grund, die Begeg­nung an sich.

Nicht vie­le Män­ner schaf­fen es, mein Inter­es­se zu wecken, aber die­je­ni­gen, die es tun, die möch­te ich als etwas Beson­de­res in Erin­ne­rung behal­ten, wich­ti­ger noch: ich möch­te mich über­haupt an sie erin­nern – mit Freu­de und dem Wis­sen dar­an, mit einem beson­de­ren Men­schen etwas beson­de­res geteilt zu haben. Denn eigent­lich: SMer ficken nicht. Zumin­dest nicht gewöhn­lich. Son­dern kopf­las­ti­ger und ein­fach irgend­wie anders.

Gefällt dir die­ser Artikel? 

Klick auf einen Stern für dei­ne Bewertung! 

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 5 /​ 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 13

Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewertet. 

Da du die­sen Bei­trag mochtest… 

… fol­ge uns doch gern auf: 

Es tut uns leid, dass du die­sen Arti­kel nicht magst. 

Lass uns die­sen Bei­trag noch ein­mal überprüfen! 

Wie kön­nen wir die­sen Arti­kel bes­ser schreiben? 


Möchtest du unseren Newsletter bekommen?

Einmal wöchentlich versenden wir unser "Bergfest" mit den neuesten Beiträgen, News, Interviews und mehr, damit du nichts mehr verpasst – kostenlos!


Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
Livecam Bonus
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare sehen

Die Buch-Empfehlung unseres Chefredakteurs Mario Meyer:
"Künstliche Intelligenz – Werden wir alle vernichtet?"Buch-Empfehlung: "Künstliche Intelligenz – Werden wir alle vernichtet?"