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Interview: Wenn sexuelle Grenzen zerfließen

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Interview: Wenn sexuelle Grenzen verwischen
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Voraussichtliche Lesedauer: 10 Minuten

Die sexpositive Bewegung und die Pornoindustrie

Es findet eine große Pornographisierung des Alltags statt

Im Bereich Sex wird gerne gezeigt, aber immer noch erstaunlich wenig gedacht, geforscht und geredet. Ruhmreiche Ausnahme ist Sex-Aktivistin Laura Méritt, die seit über zwanzig Jahren als Betreiberin von Sexclusivitäten, Lachforscherin, Autorin und Kommunikationswissenschaftlerin unterwegs ist. Ich habe sie aufgesucht, um zu erfahren, wie sie sexuelle Grenzen zerfließen sieht. Um zu sehen, wie sich die sexuellen Änderungen und Bewegungen für sie äußern, die ganz nah dran ist am Geschehen.

Interview: Wenn sexuelle Grenzen zerfließenEronite   Lass mich gleich ins Zentrum vorstoßen: Wo befindet sich die westliche Gesellschaft in der sexuellen Evolution?
Laura (lacht herzhaft)   Gleich so eine kleine Einstiegsfrage. Reden wir vielleicht erstmal von Europa. Ich finde, dass es sich in den verschiedenen Ländern unterschiedlich entwickelt. In Deutschland beobachte ich, dass sich sehr viel verändert hat. Nehmen wir die letzten 30, 40 Jahre, weil das die Zeit der Frauenbewegung ist. Da haben wir eine neue Definition von Sexualität, weg von der normierenden heterosexuellen, die nur Penetration von Schwanz in Möse versteht, hin zu einer Palette an verschiedenen Sexpraktiken. Selbstbefriedigung gehört mittlerweile auch zur offiziellen Definition von Sex! Es findet natürlich auch eine sehr große Pornographisierung des Alltags statt, die aber nicht unbedingt so schlecht ist, wie Leute sagen, die den Verfall der Werte und den Untergang des Abendlandes erahnen. Ich sehe eher, dass Jugendliche gut aufgeklärt sind, dass Sex insgesamt mehr thematisiert wird, aber nicht wirklich seriös über das Thema geredet wird. Pornographisierung heißt, dass es an der Oberfläche ansetzt und Sex meist kommerziell benutzt wird, also andere Funktionen einnimmt als die der Lustbereitung, trotzdem bin ich zuversichtlich. Sowohl bei den Jungen, als auch bei den Alten, die jetzt mit ihrem Sex gerade rauskommen, ist viel in Bewegung, und auch das ist ein Verdienst der sozialen Revolutionen, und natürlich maßgeblich der Frauenbewegung, die gegen jegliche fixe Zuschreibungen kämpft.

Vieles ist qualitativer, schöner, farbiger und gesünder geworden

Eronite   Gibt es gerade eine Entwicklung, die du besonders interessant findest?
Laura   Mir persönlich gefällt, dass die sexpositive Bewegung so einen Auftrieb bekommt und sich dieses Wort durchsetzt. Die sex-positive Frauenbewegung gibt es schon seit den 70ern, als gegen das komplette Verbot von Pornografie und gegen Zensur auch innerhalb des Feminismus demonstriert wurde. Auch toll, dass gerade junge Leute keinen Gegensatz zwischen Feminismus und Porno sehen, für ihre eigenen Bilder kämpfen und sich positiv damit auseinandersetzen. Das begrüße ich sehr, und dass dadurch auf dem Pornomarkt etwas passiert.

Interview: Wenn sexuelle Grenzen verschwindenEronite   Wie zeigt sich diese Bewegung?
Laura   PorYes wird als Sammelbegriff benutzt, um auf sex-positive Bilder und eine allen Geschlechtern gerecht werdende sexuelle Sprache hinzuweisen. Feminismus wird positiv besetzt. Ängste abgebaut, dass feministisch gleich Männer hassend oder Sexualität ablehnend sei. All diese Assoziationen, die Medien kräftigst geschürt haben. Leute halten es für selbstverständlich für PorNo zu sein, also gegen rassistische, sexistische usw. Darstellungen in der Sexualität, aber gleichzeitig wollen sie andere Bilder sehen. Ich beobachte und begleite das schon seit 20 Jahren und sehe das auch auf dem normalen Sexmarkt, in der Sexindustrie. Spielzeuge sind qualitativer, schöner, farbiger und gesünder geworden. Und das kommt jetzt bei den Filmen. Da darf dann auch bald die Diskussion, ist das Kunst oder Porno wegfallen. Die Grundlagen wurden von den Frauensexshops geschaffen, die Wissen vermittelt und Workshops angeboten haben. Heute findest du auf jeder Internetseite Informationen über Spielzeuge. Es ist noch gar nicht so lange her, dass es das nicht gab.

Eronite   Sind heute bestimmte Etiketten noch aktuell? Ich meine damit Einordnungen wie lesbisch, schwul, hetero, Mann, Frau?
Laura   Ja. Leider. (Laura lacht)

Eronite   Du sagst «leider».
Laura   Viele Leute sind sich nicht bewusst, dass Geschlecht konstruiert ist. Werbung ist extrem gegendert, damit ganz klar zu erkennen ist, das ist ’ne Frau, das ist ’n Mann, so sind Frauen, so sind Männer. Die Mainstream-Sexratgeber sind extrem auf starre Rollenbilder ausgerichtet: Wie packe ich ’nen Mann an, wie ’ne Frau? Mainstream-Pornos sind extrem sexistisch. Und zwar gegenüber Frauen und Männern.

Geschlechtsidentitäten werden langsam fließend

Eronite   Ja, natürlich. Der Witz ist bloß, dass sich die wenigsten Männer darüber bewusst sind, dass sie da in ein Klischee reingesteckt werden. Was immensen Druck erzeugt.
Laura   Genau. Das ist noch stark vorhanden. Das ist auch in den Jugendstudien zu sehen. Jugendliche sind zwar aufgeklärt und machen das alles schon ganz prima, aber was nicht klar Mann, klar Frau ist, wird abgelehnt. Da haben wir noch viel Aufklärungsarbeit zu tun. Hier in der Großstadt (Berlin) ist es natürlich toll, dass sich die Grenzen verwischen. Dass die Geschlechtsidentitäten langsam fließend werden. Das ist ein unglaublicher Gewinn.

Eronite   Da hat Berlin allerdings auch eine besondere Rolle.
Laura   Oh ja. Berlin ist eine Pionierin.

Interview: Wenn sexuelle Grenzen verschwindenEronite   Machst du dir Gedanken über das Phänomen der Lust? Was ist es für dich? Wo liegen für dich allgemeine Ursprünge, wo deine Wurzeln?
Laura   Det sin ja Fragen… (lacht) Ja, mache ich, sogar ziemlich oft. Weil Lust für mich nicht nur sexuell, sondern auch Lebenslust ist. Eher ganzheitlich eingebunden. Ich weiß natürlich, dass körperliche Lust Auswirkungen hat, auf das Psychische, auf das seelische Empfinden. Weshalb ich großen Wert darauf lege, dass ich das immer in Austausch bringe. Natürlich veränderst du dich über die Jahre. Dadurch wird mir nahegelegt zu schauen: Wo bist du denn jetzt? Was fühlt sich jetzt wie an? Wie veränderte es sich gegenüber letztes Jahr? Oder letzte Woche? In welcher psychischen Verfassung bin ich? Je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, wie flexibel alles ist. Was ganz wunderbar ist, weil es den Horizont erweitert.

Eronite   Was macht für dich die Anziehungskraft von Menschen aus?
Laura   Das ist etwas ganz Individuelles. Meistens ist es so, dass da was Spannendes rüberkommen muss. Überhaupt nichts Äußerliches. Wenn jemand interessante Sachen sagt oder eine tolle Ausstrahlung, freudige Energie hat, das interessiert mich. Es kann schon mal sein, dass mir ’ne Farbe auffällt, oh, das ist ja mutig, ein lila Hemd, schön, aber das macht keine Attraktion für mich aus. Natürlich auch: Nicht klar festgelegte Geschlechter. Das finde ich viel spannender, wenn ich merke, oh, da lebt jemand verschiedene Seiten aus. Starre Rollen interessieren mich nicht. Auch nicht im Denken.

Der Mainstreamporno ist extrem reduziert

Eronite   Beim Thema Äußerlichkeiten komme ich wieder zum Thema Porno. Glaubst du, dass Pornos überhaupt Sinnlichkeit transportieren können, wo da doch Sex auf zwei Sinne reduziert wird?
Laura   Ja, das glaube ich. Da darf einfach noch mehr experimentiert werden oder auf frühere Generationen zurückgegriffen werden, die spannende Ansätze hatten. Der Mainstreamporno ist extrem reduziert, aber du kannst mit der Kamera andere Bilder erzeugen, andere Perspektiven. Du kannst Veränderungen der Haut aufnehmen, es in Szene setzen, da gibt es viele Möglichkeiten. Wir müssen weg von der engen Definition von Porno, weg von den Fixierungen, Konditionierungen, weg von dieser Pavlov-Sexualität. Sexualität ist ein unglaublicher Reichtum.

Sleep-Eat-BDSM-Repeat: Kann SM langweilig werden?

Eronite   …und das Genießen.
Laura   Genau. Da musst du natürlich erstmal die eigenen, starren gesellschaftlich vermittelten Grenzen überschreiten. In östlichen Kulturen existieren da andere progressivere Ansätze.

Eronite   An was denkst Du da?
Laura   Sexuelle und spirituelle Traditionen kommen eher aus dem Osten. Es existieren matriarchale Strukturen, in denen sexuelle Rituale ins Leben und in den Jahreskreis integriert sind, jetzt zum Beispiel beim Übergang vom Sommer in den Herbst. Heute ist das stark überlagert und Sexualität kaum noch so erfahrbar. Aber solche Ansätze kommen wieder: Wie baust Du Deine eigene Identität, Sexualität in den Alttag, in den Jahreskreis, in das Leben ein? Z. B. im Tantra, wo wieder bewusst miteinander gespielt wird, SM mit bewussten Inszenierungen oder Workshops: Mach Dir bewusst was Du tust. Da ist gerade ein gesellschaftliches Bedürfnis, nach mehr Sinn, mehr Inhalt, mehr…

Eronite   Substanz?
Laura   Ja. Das gilt natürlich auch für die Sexualität. Das ist auch ein Grund, weshalb viele Jugendliche scheinbar rückwärts gehen und dann geklagt wird: Oh, die machen gar keinen Sex mehr. Aber es ist ein Zurücktreten von der oberflächlichen Sexualisierung. Zurück zu etwas Tieferem, Verbindlicheren. Wenn das in konservativen Rollenmustern endet, heißt das nur, dass andere Vorschläge nicht weit verbreitet und zugänglich sind. Da müssen wir was machen.

Sie ist eine richtige Sexpertin – das beweist sie gleich

Eronite   Alternativen bieten.
Laura   Und nicht nur für die Jugendlichen, sondern auch für uns. Es ist eine gute Zeit dafür, denn die Leute sind richtig hungrig nach neuen, anderen Formen, anderen Bildern der Pornographie Und die gehen weg, manchmal selbst vom gut inszenierten Ficken.

Interview: Wenn sexuelle Grenzen veschiebenAngeregt von dem Gespräch, frage ich Laura, ob sie den Film „Destricted“ kenne. Der Titel sagte ihr nichts. Ich erzähle ihr also von dieser Sammlung wirklich gelungener „Kunst-Pornos“. Als ich die Beteiligung der serbischen Künstlerin Marina Abramovic erwähne, klingelte etwas bei ihr, sie steht auf, wühlt in einem Stapel DVDs herum und zieht den Film heraus. Tja, was eine richtige Sexpertin ist…
Laura   Ja, der ist gut. Sehr special gemacht.

Eronite   Da gibt es ja die Leute, die meinen, dass Porno der Untergang der Zivilisation sei. Ich habe das Gefühl, da findet was völlig anderes statt. Lass es mich mal «Therapie auf gesellschaftlichem Niveau» nennen. Was sagst du dazu?
Laura   Ich bin nicht so ’ne Freundin von Therapie und Psychologisierungen. Ich würde einfach sagen, es ist an der Zeit. Wenn du zuviel von einer Sorte bekommst, dann kippt es irgendwann. Ausschlaggebend sind das Internet und der freie Zugang zu Medien. Du kriegst es nicht nur vorgesetzt. Du kannst es selbst machen. Natürlich kannst du kopieren, was du siehst, aber du hast auch die Chance was völlig anderes zu machen. Wie üblich, wissen viele mit dieser Freiheit nicht viel anzufangen. Diese neuen Medien geben die Möglichkeit etwas Positives massenhaft zu verbreiten und Leute beteiligen sich daran. Deshalb haben wir den Feminist Porn Award und PorYes gegründet: Wir geben euch Kriterien an die Hand und dann könnt Ihr euch nach denen mal einen Film anschauen. Damit wir von starren Genres wegkommen und Vielfalt statt Normen verbreiten. Ich bin auch eine Verfechterin von Wortneuschöpfungen, auch im Bereich Sex. Dass Worte flexibel sind und dass du jedes Wort anders verwenden kannst. Viele Frauen sind unzufrieden mit den sexuellen Worten, weil es Schimpfwörter sind, z. B. «Fotze». Da haben wir lange dran gearbeitet, dass je nachdem wer das wie sagt, ein Wort eine Waffe sein kann, aber auch als Kosename genutzt werden kann. Worte positiv aufwerten ist eine politische Strategie, auch neue Wörter erfinden. Weg von den „Scham“-Begriffen. Die «Scham» streichen. Nicht «Ich habe Schamhaare», sondern einfach «Haare», «Ich hab keine Schamlippen, ich habe Lippen«. Kleine und große Lippen – einfach falsch! Es gibt innere und äußere.

Sex durfte lange nur der Fortpflanzung dienen

Eronite   Da gibt es einen wichtigen Punkt, der mir bei dir aufgefallen ist: Der Humor. Da hab ich eine Frage, genau dazu: Immer wieder habe ich das Gefühl, dass sobald es um Sex geht, eine Ernsthaftigkeit mitschwingt, die völlig unangemessen ist. Bestes Beispiel ist für mich Charlotte Roche, die mich mit ihren Büchern zum Lachen gebracht hat wie zuletzt Douglas Adams. Aber in den Medien und Internetkommentaren wurde sie zerrissen und scheinbar hat niemand ihren Schalk mitbekommen. Was ist das? Ist das einfach nur deutsche Humorlosigkeit, sind das Reste religiöser Dogmen, Angst davor sich lächerlich zu machen, weil man eigene Lust verbergen will? Was denkst du?
Laura   Da steckt eine politische Sache dahinter. Gelacht wird von oben nach unten. Sex ist eine ernsthafte Sache für die Machthabenden, die Kontrolle ausüben wollen, Privilegien halten möchten und Bevölkerungspolitik ausüben. Sex durfte lange nur der Fortpflanzung dienen. Spaß nicht erlaubt, Abtreibung nicht erlaubt. Das hat sich liberalisiert. Wir haben immer noch eine recht starre, patriarchale Definition von Sex, aber es breitet sich aus, dass alles okay ist, wenn es für die Mitmachenden okay ist.

Interview: Wenn die Grenze beim Sex verschwindenEronite   Ja, es bewegt sich eine Menge. Aber müsste man nicht etwas früher ansetzen? Müsste es nicht schon in Kindheitstagen losgehen, dass der rosa Kinderwagen für die kleinen Mädchen ein für alle mal aus der Welt verschwindet? Dass das Kind entscheidet, was es spielen will?
Laura   Klar. Da gebe ich dir das Stichwort «Adultismus». Da geht es um Diskriminierung von Kindern durch Erwachsene. Ich finde das sehr zutreffend, weil Kinder wirklich zugerichtet werden. Ob das nun Beschneidung ist oder Genderzuweisungen. Aber du musst erst die Erwachsenen dazu bringen, das nicht mehr zu tun. Darum: Gleichzeitig auf allen Ebenen ansetzen.

Ich schaue auf meinen Fragenzettel, und bemerke, dass einfach im Gespräch alles beantwortet worden war.
Eronite   Ich glaube, es ist…
Laura   …vollbracht?

Alle Bestandteile des Kraftwerkes namens Klitoris beschrieben

Eronite   Ja. Abschließend nur noch die Frage: Was macht Laura Méritt als nächstes?
Laura   Ich habe wieder ein Buch herausgebracht. Es heißt „Frauenkörper neu gesehen“, eine Klassikerin aus den 70ern/80ern, aus der Frauengesundheitsbewegung. Es geht um die Beschreibung der weiblichen Sexualanatomie und da es immer noch keine Darstellung der kompletten weiblichen Sexualanatomie gibt, weder in den Schulbüchern noch in den Anatomie- oder Lehrbüchern im Studium, gibt es diese Neuauflage. Entweder fehlt die Prostata oder das Schwellgewebe, es gibt keine Verbindung zur Gebärmutter etc. Die Klitoris wird als die «kleine Perle» gezeichnet, es gibt keine erigierte Klitoris, die Vagina ist ein langer offener Schlauch. In dem Buch werden alle Bestandteile des Kraftwerkes namens Klitoris beschrieben und in Zusammenhang zueinander gebracht. Damit Du wirklich Vorstellungen entwickeln und das in der Sexualität einsetzen kannst. Eine Grundlage, die sich an alle Geschlechter richtet. Ich wünsche mir, dass das in die Schulen kommt.

Eronite   Ja, das wäre was. Mir hat damals niemand irgendwas über meinen Körper erklärt und schon gar nicht über den Körper der Frau. Ich musste mir alles mühsam zusammen suchen. Das Buch werde ich mir kaufen! Laura, ich danke für das Interview.

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