Interview: Wenn sexuelle Grenzen zerfließen

Von Valérie Francès-Pecker
Voraussichtliche Lesedauer: 12 Minuten
Interview: Wenn sexuelle Grenzen zerfließen
Interview: Wenn sexuelle Grenzen zerfließen
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Es findet eine große Pornographisierung des Alltags statt

Im Bereich Sex wird ger­ne gezeigt, aber immer noch erstaun­lich wenig gedacht, geforscht und gere­det. Ruhm­rei­che Aus­nah­me ist Sex-Akti­vis­tin Lau­ra Méritt, die seit über zwan­zig Jah­ren als Betrei­be­rin von Sex­clu­si­vi­tä­ten, Lach­for­sche­rin, Autorin und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­le­rin unter­wegs ist. Ich habe sie auf­ge­sucht, um zu erfah­ren, wie sie sexu­el­le Gren­zen zer­flie­ßen sieht. Um zu sehen, wie sich die sexu­el­len Ände­run­gen und Bewe­gun­gen für sie äußern, die ganz nah dran ist am Gesche­hen.


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InterviewEro­ni­te   Lass mich gleich ins Zen­trum vor­sto­ßen: Wo befin­det sich die west­li­che Gesell­schaft in der sexu­el­len Evo­lu­ti­on?
Lau­ra (lacht herz­haft)   Gleich so eine klei­ne Ein­stiegs­fra­ge. Reden wir viel­leicht erst­mal von Euro­pa. Ich fin­de, dass es sich in den ver­schie­de­nen Län­dern unter­schied­lich ent­wi­ckelt. In Deutsch­land beob­ach­te ich, dass sich sehr viel ver­än­dert hat. Neh­men wir die letz­ten 30, 40 Jah­re, weil das die Zeit der Frau­en­be­we­gung ist. Da haben wir eine neue Defi­ni­ti­on von Sexua­li­tät, weg von der nor­mie­ren­den hete­ro­se­xu­el­len, die nur Pene­tra­ti­on von Schwanz in Möse ver­steht, hin zu einer Palet­te an ver­schie­de­nen Sex­prak­ti­ken. Selbst­be­frie­di­gung gehört mitt­ler­wei­le auch zur offi­zi­el­len Defi­ni­ti­on von Sex! Es fin­det natür­lich auch eine sehr gro­ße Por­no­gra­phi­sie­rung des All­tags statt, die aber nicht unbe­dingt so schlecht ist, wie Leu­te sagen, die den Ver­fall der Wer­te und den Unter­gang des Abend­lan­des erah­nen. Ich sehe eher, dass Jugend­li­che gut auf­ge­klärt sind, dass Sex ins­ge­samt mehr the­ma­ti­siert wird, aber nicht wirk­lich seri­ös über das The­ma gere­det wird.

Die sexpositive Bewegung, die Pornoindustrie und sexuelle Grenzen

Por­no­gra­phi­sie­rung heißt, dass es an der Ober­flä­che ansetzt und Sex meist kom­mer­zi­ell benutzt wird, also ande­re Funk­tio­nen ein­nimmt als die der Lust­be­rei­tung, trotz­dem bin ich zuver­sicht­lich. Sowohl bei den Jun­gen, als auch bei den Alten, die jetzt mit ihrem Sex gera­de raus­kom­men, ist viel in Bewe­gung, und auch das ist ein Ver­dienst der sozia­len Revo­lu­tio­nen, und natür­lich maß­geb­lich der Frau­en­be­we­gung, die gegen jeg­li­che fixe Zuschrei­bun­gen kämpft.

Vieles ist qualitativer, schöner, farbiger und gesünder geworden

Ero­ni­te   Gibt es gera­de eine Ent­wick­lung, die du beson­ders inter­es­sant fin­dest?
Lau­ra   Mir per­sön­lich gefällt, dass die sex­po­si­ti­ve Bewe­gung so einen Auf­trieb bekommt und sich die­ses Wort durch­setzt. Die sex-posi­ti­ve Frau­en­be­we­gung gibt es schon seit den 70ern, als gegen das kom­plet­te Ver­bot von Por­no­gra­fie und gegen Zen­sur auch inner­halb des Femi­nis­mus demons­triert wur­de. Auch toll, dass gera­de jun­ge Leu­te kei­nen Gegen­satz zwi­schen Femi­nis­mus und Por­no sehen, für ihre eige­nen Bil­der kämp­fen und sich posi­tiv damit aus­ein­an­der­set­zen. Das begrü­ße ich sehr, und dass dadurch auf dem Por­no­markt etwas pas­siert.

Interview: Wenn sexuelle Grenzen verschwindenEro­ni­te   Wie zeigt sich die­se Bewe­gung?
Lau­ra   PorYes wird als Sam­mel­be­griff benutzt, um auf sex-posi­ti­ve Bil­der und eine allen Geschlech­tern gerecht wer­den­de sexu­el­le Spra­che hin­zu­wei­sen. Femi­nis­mus wird posi­tiv besetzt. Ängs­te abge­baut, dass femi­nis­tisch gleich Män­ner has­send oder Sexua­li­tät ableh­nend sei. All die­se Asso­zia­tio­nen, die Medi­en kräf­tigst geschürt haben. Leu­te hal­ten es für selbst­ver­ständ­lich für Por­No zu sein, also gegen ras­sis­ti­sche, sexis­ti­sche usw. Dar­stel­lun­gen in der Sexua­li­tät, aber gleich­zei­tig wol­len sie ande­re Bil­der sehen. Ich beob­ach­te und beglei­te das schon seit 20 Jah­ren und sehe das auch auf dem nor­ma­len Sex­markt, in der Sex­in­dus­trie. Spiel­zeu­ge sind qua­li­ta­ti­ver, schö­ner, far­bi­ger und gesün­der gewor­den. Und das kommt jetzt bei den Fil­men. Da darf dann auch bald die Dis­kus­si­on, ist das Kunst oder Por­no weg­fal­len. Die Grund­la­gen wur­den von den Frau­en­sex­shops geschaf­fen, die Wis­sen ver­mit­telt und Work­shops ange­bo­ten haben. Heu­te fin­dest du auf jeder Inter­net­sei­te Infor­ma­tio­nen über Spiel­zeu­ge. Es ist noch gar nicht so lan­ge her, dass es das nicht gab.

Ero­ni­te   Sind heu­te bestimm­te Eti­ket­ten noch aktu­ell? Ich mei­ne damit Ein­ord­nun­gen wie les­bisch, schwul, hete­ro, Mann, Frau?
Lau­ra   Ja. Lei­der. (Lau­ra lacht)

Ero­ni­te   Du sagst «lei­der».
Lau­ra   Vie­le Leu­te sind sich nicht bewusst, dass Geschlecht kon­stru­iert ist. Wer­bung ist extrem gegen­dert, damit ganz klar zu erken­nen ist, das ist 'ne Frau, das ist 'n Mann, so sind Frau­en, so sind Män­ner. Die Main­stream-Sex­rat­ge­ber sind extrem auf star­re Rol­len­bil­der aus­ge­rich­tet: Wie packe ich 'nen Mann an, wie 'ne Frau? Main­stream-Por­nos sind extrem sexis­tisch. Und zwar gegen­über Frau­en und Män­nern.

Geschlechtsidentitäten werden langsam fließend, aber sexuelle Grenzen zerfließen

Ero­ni­te   Ja, natür­lich. Der Witz ist bloß, dass sich die wenigs­ten Män­ner dar­über bewusst sind, dass sie da in ein Kli­schee rein­ge­steckt wer­den. Was immensen Druck erzeugt.
Lau­ra   Genau. Das ist noch stark vor­han­den. Das ist auch in den Jugend­stu­di­en zu sehen. Jugend­li­che sind zwar auf­ge­klärt und machen das alles schon ganz pri­ma, aber was nicht klar Mann, klar Frau ist, wird abge­lehnt. Da haben wir noch viel Auf­klä­rungs­ar­beit zu tun. Hier in der Groß­stadt (Ber­lin) ist es natür­lich toll, dass sich die Gren­zen ver­wi­schen. Dass die Geschlechts­iden­ti­tä­ten lang­sam flie­ßend wer­den. Das ist ein unglaub­li­cher Gewinn.

Ero­ni­te   Da hat Ber­lin aller­dings auch eine beson­de­re Rol­le.
Lau­ra   Oh ja. Ber­lin ist eine Pio­nie­rin.

Interview: Wenn sexuelle Grenzen verschwindenEro­ni­te   Machst du dir Gedan­ken über das Phä­no­men der Lust? Was ist es für dich? Wo lie­gen für dich all­ge­mei­ne Ursprün­ge, wo dei­ne Wur­zeln?
Lau­ra   Det sin ja Fra­gen… (lacht) Ja, mache ich, sogar ziem­lich oft. Weil Lust für mich nicht nur sexu­ell, son­dern auch Lebens­lust ist. Eher ganz­heit­lich ein­ge­bun­den. Ich weiß natür­lich, dass kör­per­li­che Lust Aus­wir­kun­gen hat, auf das Psy­chi­sche, auf das see­li­sche Emp­fin­den. Wes­halb ich gro­ßen Wert dar­auf lege, dass ich das immer in Aus­tausch brin­ge. Natür­lich ver­än­derst du dich über die Jah­re. Dadurch wird mir nahe­ge­legt zu schau­en: Wo bist du denn jetzt? Was fühlt sich jetzt wie an? Wie ver­än­der­te es sich gegen­über letz­tes Jahr? Oder letz­te Woche? In wel­cher psy­chi­schen Ver­fas­sung bin ich? Je älter ich wer­de, des­to mehr wird mir bewusst, wie fle­xi­bel alles ist. Was ganz wun­der­bar ist, weil es den Hori­zont erwei­tert.

Ero­ni­te   Was macht für dich die Anzie­hungs­kraft von Men­schen aus?
Lau­ra   Das ist etwas ganz Indi­vi­du­el­les. Meis­tens ist es so, dass da was Span­nen­des rüber­kom­men muss. Über­haupt nichts Äußer­li­ches. Wenn jemand inter­es­san­te Sachen sagt oder eine tol­le Aus­strah­lung, freu­di­ge Ener­gie hat, das inter­es­siert mich. Es kann schon mal sein, dass mir 'ne Far­be auf­fällt, oh, das ist ja mutig, ein lila Hemd, schön, aber das macht kei­ne Attrak­ti­on für mich aus. Natür­lich auch: Nicht klar fest­ge­leg­te Geschlech­ter. Das fin­de ich viel span­nen­der, wenn ich mer­ke, oh, da lebt jemand ver­schie­de­ne Sei­ten aus. Star­re Rol­len inter­es­sie­ren mich nicht. Auch nicht im Den­ken.

Der Mainstreamporno und sexuelle Grenzen sind extrem reduziert

Ero­ni­te   Beim The­ma Äußer­lich­kei­ten kom­me ich wie­der zum The­ma Por­no. Glaubst du, dass Por­nos über­haupt Sinn­lich­keit trans­por­tie­ren kön­nen, wo da doch Sex auf zwei Sin­ne redu­ziert wird?
Lau­ra   Ja, das glau­be ich. Da darf ein­fach noch mehr expe­ri­men­tiert wer­den oder auf frü­he­re Gene­ra­tio­nen zurück­ge­grif­fen wer­den, die span­nen­de Ansät­ze hat­ten. Der Main­stream­por­no ist extrem redu­ziert, aber du kannst mit der Kame­ra ande­re Bil­der erzeu­gen, ande­re Per­spek­ti­ven. Du kannst Ver­än­de­run­gen der Haut auf­neh­men, es in Sze­ne set­zen, da gibt es vie­le Mög­lich­kei­ten. Wir müs­sen weg von der engen Defi­ni­ti­on von Por­no, weg von den Fixie­run­gen, Kon­di­tio­nie­run­gen, weg von die­ser Pav­lov-Sexua­li­tät. Sexua­li­tät ist ein unglaub­li­cher Reich­tum.

Ero­ni­te   …und das Genie­ßen.
Lau­ra   Genau. Da musst du natür­lich erst­mal die eige­nen, star­ren gesell­schaft­lich ver­mit­tel­ten Gren­zen über­schrei­ten. In öst­li­chen Kul­tu­ren exis­tie­ren da ande­re pro­gres­si­ve­re Ansät­ze.

Ero­ni­te   An was denkst Du da?
Lau­ra   Sexu­el­le und spi­ri­tu­el­le Tra­di­tio­nen kom­men eher aus dem Osten. Es exis­tie­ren matri­ar­cha­le Struk­tu­ren, in denen sexu­el­le Ritua­le ins Leben und in den Jah­res­kreis inte­griert sind, jetzt zum Bei­spiel beim Über­gang vom Som­mer in den Herbst. Heu­te ist das stark über­la­gert und Sexua­li­tät kaum noch so erfahr­bar. Aber sol­che Ansät­ze kom­men wie­der: Wie baust Du Dei­ne eige­ne Iden­ti­tät, Sexua­li­tät in den Alt­tag, in den Jah­res­kreis, in das Leben ein? Z. B. im Tan­tra, wo wie­der bewusst mit­ein­an­der gespielt wird, SM mit bewuss­ten Insze­nie­run­gen oder Work­shops: Mach Dir bewusst was Du tust. Da ist gera­de ein gesell­schaft­li­ches Bedürf­nis, nach mehr Sinn, mehr Inhalt, mehr…

Ero­ni­te   Sub­stanz?
Lau­ra   Ja. Das gilt natür­lich auch für die Sexua­li­tät. Das ist auch ein Grund, wes­halb vie­le Jugend­li­che schein­bar rück­wärts gehen und dann geklagt wird: Oh, die machen gar kei­nen Sex mehr. Aber es ist ein Zurück­tre­ten von der ober­fläch­li­chen Sexua­li­sie­rung. Zurück zu etwas Tie­fe­rem, Ver­bind­li­che­ren. Wenn das in kon­ser­va­ti­ven Rol­len­mus­tern endet, heißt das nur, dass ande­re Vor­schlä­ge nicht weit ver­brei­tet und zugäng­lich sind. Da müs­sen wir was machen.

Sie ist eine richtige Sexpertin – das beweist sie gleich

Ero­ni­te   Alter­na­ti­ven bie­ten.
Lau­ra   Und nicht nur für die Jugend­li­chen, son­dern auch für uns. Es ist eine gute Zeit dafür, denn die Leu­te sind rich­tig hung­rig nach neu­en, ande­ren For­men, ande­ren Bil­dern der Por­no­gra­phie Und die gehen weg, manch­mal selbst vom gut insze­nier­ten Ficken.

InterviewAnge­regt von dem Gespräch, fra­ge ich Lau­ra, ob sie den Film „Destric­ted“ ken­ne. Der Titel sag­te ihr nichts. Ich erzäh­le ihr also von die­ser Samm­lung wirk­lich gelun­ge­ner „Kunst-Por­nos“. Als ich die Betei­li­gung der ser­bi­schen Künst­le­rin Mari­na Abra­mo­vic erwäh­ne, klin­gel­te etwas bei ihr, sie steht auf, wühlt in einem Sta­pel DVDs her­um und zieht den Film her­aus. Tja, was eine rich­ti­ge Sexper­tin ist…
Lau­ra   Ja, der ist gut. Sehr spe­cial gemacht.

Ero­ni­te   Da gibt es ja die Leu­te, die mei­nen, dass Por­no der Unter­gang der Zivi­li­sa­ti­on sei. Ich habe das Gefühl, da fin­det was völ­lig ande­res statt. Lass es mich mal «The­ra­pie auf gesell­schaft­li­chem Niveau» nen­nen. Was sagst du dazu?
Lau­ra   Ich bin nicht so 'ne Freun­din von The­ra­pie und Psy­cho­lo­gi­sie­run­gen. Ich wür­de ein­fach sagen, es ist an der Zeit. Wenn du zuviel von einer Sor­te bekommst, dann kippt es irgend­wann. Aus­schlag­ge­bend sind das Inter­net und der freie Zugang zu Medi­en. Du kriegst es nicht nur vor­ge­setzt. Du kannst es selbst machen. Natür­lich kannst du kopie­ren, was du siehst, aber du hast auch die Chan­ce was völ­lig ande­res zu machen. Wie üblich, wis­sen vie­le mit die­ser Frei­heit nicht viel anzu­fan­gen. Die­se neu­en Medi­en geben die Mög­lich­keit etwas Posi­ti­ves mas­sen­haft zu ver­brei­ten und Leu­te betei­li­gen sich dar­an.

Sexuelle Grenzen

Des­halb haben wir den Femi­nist Porn Award und PorYes gegrün­det: Wir geben euch Kri­te­ri­en an die Hand und dann könnt Ihr euch nach denen mal einen Film anschau­en. Damit wir von star­ren Gen­res weg­kom­men und Viel­falt statt Nor­men ver­brei­ten. Ich bin auch eine Ver­fech­te­rin von Wort­neu­schöp­fun­gen, auch im Bereich Sex. Dass Wor­te fle­xi­bel sind und dass du jedes Wort anders ver­wen­den kannst. Vie­le Frau­en sind unzu­frie­den mit den sexu­el­len Wor­ten, weil es Schimpf­wör­ter sind, z. B. «Fot­ze». Da haben wir lan­ge dran gear­bei­tet, dass je nach­dem wer das wie sagt, ein Wort eine Waf­fe sein kann, aber auch als Kose­na­me genutzt wer­den kann. Wor­te posi­tiv auf­wer­ten ist eine poli­ti­sche Stra­te­gie, auch neue Wör­ter erfin­den. Weg von den „Scham“-Begriffen. Die «Scham» strei­chen. Nicht «Ich habe Scham­haa­re», son­dern ein­fach «Haa­re», «Ich hab kei­ne Scham­lip­pen, ich habe Lip­pen«. Klei­ne und gro­ße Lip­pen – ein­fach falsch! Es gibt inne­re und äuße­re.

Sex durfte lange nur der Fortpflanzung dienen

Ero­ni­te   Da gibt es einen wich­ti­gen Punkt, der mir bei dir auf­ge­fal­len ist: Der Humor. Da hab ich eine Fra­ge, genau dazu: Immer wie­der habe ich das Gefühl, dass sobald es um Sex geht, eine Ernst­haf­tig­keit mit­schwingt, die völ­lig unan­ge­mes­sen ist. Bes­tes Bei­spiel ist für mich Char­lot­te Roche, die mich mit ihren Büchern zum Lachen gebracht hat wie zuletzt Dou­glas Adams. Aber in den Medi­en und Inter­net­kom­men­ta­ren wur­de sie zer­ris­sen und schein­bar hat nie­mand ihren Schalk mit­be­kom­men. Was ist das? Ist das ein­fach nur deut­sche Humor­lo­sig­keit, sind das Res­te reli­giö­ser Dog­men, Angst davor sich lächer­lich zu machen, weil man eige­ne Lust ver­ber­gen will? Was denkst du?

Lau­ra   Da steckt eine poli­ti­sche Sache dahin­ter. Gelacht wird von oben nach unten. Sex ist eine ernst­haf­te Sache für die Macht­ha­ben­den, die Kon­trol­le aus­üben wol­len, Pri­vi­le­gi­en hal­ten möch­ten und Bevöl­ke­rungs­po­li­tik aus­üben. Sex durf­te lan­ge nur der Fort­pflan­zung die­nen. Spaß nicht erlaubt, Abtrei­bung nicht erlaubt. Das hat sich libe­ra­li­siert. Wir haben immer noch eine recht star­re, patri­ar­cha­le Defi­ni­ti­on von Sex, aber es brei­tet sich aus, dass alles okay ist, wenn es für die Mit­ma­chen­den okay ist.

Interview: Wenn die Grenze beim Sex verschwindenEro­ni­te   Ja, es bewegt sich eine Men­ge. Aber müss­te man nicht etwas frü­her anset­zen? Müss­te es nicht schon in Kind­heits­ta­gen los­ge­hen, dass der rosa Kin­der­wa­gen für die klei­nen Mäd­chen ein für alle mal aus der Welt ver­schwin­det? Dass das Kind ent­schei­det, was es spie­len will?
Lau­ra   Klar. Da gebe ich dir das Stich­wort «Adul­tis­mus». Da geht es um Dis­kri­mi­nie­rung von Kin­dern durch Erwach­se­ne. Ich fin­de das sehr zutref­fend, weil Kin­der wirk­lich zuge­rich­tet wer­den. Ob das nun Beschnei­dung ist oder Gen­der­zu­wei­sun­gen. Aber du musst erst die Erwach­se­nen dazu brin­gen, das nicht mehr zu tun. Dar­um: Gleich­zei­tig auf allen Ebe­nen anset­zen.

Ich schaue auf mei­nen Fra­gen­zet­tel, und bemer­ke, dass ein­fach im Gespräch alles beant­wor­tet wor­den war.
Ero­ni­te   Ich glau­be, es ist…
Lau­ra   …voll­bracht?

Alle Bestandteile des Kraftwerkes namens Klitoris beschrieben

Ero­ni­te   Ja. Abschlie­ßend nur noch die Fra­ge: Was macht Lau­ra Méritt als nächs­tes?
Lau­ra   Ich habe wie­der ein Buch her­aus­ge­bracht. Es heißt „Frau­en­kör­per neu gese­hen“, eine Klas­si­ke­rin aus den 70ern/80ern, aus der Frau­en­ge­sund­heits­be­we­gung. Es geht um die Beschrei­bung der weib­li­chen Sexu­al­ana­to­mie und da es immer noch kei­ne Dar­stel­lung der kom­plet­ten weib­li­chen Sexu­al­ana­to­mie gibt, weder in den Schul­bü­chern noch in den Ana­to­mie- oder Lehr­bü­chern im Stu­di­um, gibt es die­se Neu­auf­la­ge. Ent­we­der fehlt die Pro­sta­ta oder das Schwell­ge­we­be, es gibt kei­ne Ver­bin­dung zur Gebär­mut­ter etc. Die Kli­to­ris wird als die «klei­ne Per­le» gezeich­net, es gibt kei­ne eri­gier­te Kli­to­ris, die Vagi­na ist ein lan­ger offe­ner Schlauch. In dem Buch wer­den alle Bestand­tei­le des Kraft­wer­kes namens Kli­to­ris beschrie­ben und in Zusam­men­hang zuein­an­der gebracht. Damit Du wirk­lich Vor­stel­lun­gen ent­wi­ckeln und das in der Sexua­li­tät ein­set­zen kannst. Eine Grund­la­ge, die sich an alle Geschlech­ter rich­tet. Ich wün­sche mir, dass das in die Schu­len kommt.

Ero­ni­te   Ja, das wäre was. Mir hat damals nie­mand irgend­was über mei­nen Kör­per erklärt und schon gar nicht über den Kör­per der Frau. Ich muss­te mir alles müh­sam zusam­men suchen. Das Buch wer­de ich mir kau­fen! Lau­ra, ich dan­ke für das Inter­view.

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