Die Multioptionsgesellschaft – alles unverbindlich?

Von Mario Meyer
Voraussichtliche Lesedauer: 6 Minuten
Die Multioptionsgesellschaft – alles unverbindlich?
Die Multioptionsgesellschaft - alles unverbindlich?
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Multioptionsgesellschaft – alles wollen, nichts müssen

Das Bessere suchen und Menschen beliebig austauschen

Nichts ist unmög­lich. Jeder kann alles haben und die meis­ten geben sich mit nichts mehr zufrie­den, die Erwar­tungs­hal­tung steigt. Die Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft ist ein Phä­no­men der jün­ge­ren Zeit. Nahe­zu alle Men­schen möch­ten dies rea­li­sie­ren und füh­len sich nicht mehr glück­lich. Denn jeder hat das Recht, die­ses Mehr und die­ses Bes­se­res ein­zu­for­dern. Den­noch: in die­ser schnell­le­bi­gen Zeit ver­lie­ren dadurch Freun­de, Fami­lie sowie diver­se Wer­te und Nor­men folg­lich an Wert.


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Die­se (trü­ge­ri­sche) Frei­heit hat weit­rei­chen­de Fol­gen, die im Moment noch nicht abzu­se­hen sind. Jeder Mensch ist auf sich fixiert und sich selbst der Nächs­te. Steu­ert unse­re Gesell­schaft gera­de auf den Super­gau zu? Wor­an liegt es jedoch, dass Sex, Lie­be und Freun­de in unse­rer neu­en Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft so schnell weg­ge­wor­fen und aus­ge­tauscht wer­den?

Die Multioptionsgesellschaft - alles wollen, nichts müssenWas ist eine Multioptionsgesellschaft?

Bei dem Begriff Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft han­delt es sich um einen Begriff, der viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten zur Lebens­ge­stal­tung beschreibt. Die­ser Begriff trifft auf den größ­ten Teil der Men­schen zu. Aller­dings fin­det die Indi­vi­dua­li­sie­rung der Bevöl­ke­rung bereits in den 1960er Jah­ren ihren Ursprung. Die indus­tri­el­le und tech­ni­sche Ent­wick­lung begüns­tigt, dass Kon­sum­gü­ter, Waren sowie Dienst­leis­tun­gen in nahe­zu unbe­grenz­tem Maße zur Ver­fü­gung ste­hen. Dies führt zu einer Stei­ge­rung des Lebens- und Ver­sor­gungs­stan­dards, von dem gene­rell natür­lich erst ein­mal alle Men­schen pro­fi­tie­ren.

Drei zen­tra­le Ent­wick­lun­gen sind ursäch­lich für die­sen Indi­vi­dua­li­sie­rungs­schub:

  • Wohl­stands­stei­ge­rung
  • Stei­ge­rung des Bil­dungs­ni­veaus
  • Ver­kür­zung der Arbeits­zeit

Der "Drang nach Mehr" stellt die eigent­li­che gesell­schaft­li­che Trieb­kraft dar. Die Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft erstreckt sich nahe­zu auf das kom­plet­te Leben eines Men­schen. So kann jeder belie­big oft sei­nen Job wech­seln. Wäh­rend noch vor weni­gen Jahr­zehn­ten das Erler­nen eines zwei­ten Berufs nahe­zu eine Aus­nah­me war, stel­len heut­zu­ta­ge die­je­ni­gen die Min­der­heit dar, die im erlern­ten Beruf ihr Leben lang tätig sind. Der Trend geht immer mehr zur mul­ti­plen Opti­on.

Eine geschie­de­ne Ehe ist in der Gegen­wart eben­falls kei­ne Sel­ten­heit mehr. Häu­fig wech­seln­de Part­ner­schaf­ten, meh­re­re Kin­der mit ver­schie­de­nen Part­nern zu zeu­gen sowie das Leben in Patch­work-Fami­li­en sind die gän­gi­ge Rea­li­tät. Sich immer alle Optio­nen offen hal­ten zu wol­len, bringt das Ende der klas­si­schen, indus­trie­ge­sell­schaft­lich gepräg­ten "Nor­mal­bio­gra­phie" mit sich.

Die drei Voraussetzungen des Individualisierungsprozesses

Damit sich die­ser Indi­vi­dua­li­sie­rungs­pro­zess voll­zie­hen kann, bedarf es eben­die­ser drei genann­ten Ent­wick­lun­gen. Eine Wohl­stands­stei­ge­rung in nahe­zu allen Bevöl­ke­rungs­grup­pen, die bis in die 1980er Jah­re anhielt, lös­ten den sogen­tann­ten "Fahr­stuhl­ef­fekt" aus: kon­ti­nu­ier­lich konn­ten sich die Mit­glie­der der Gesell­schaft immer mehr leis­ten. Sei es eine Fern­rei­se oder der zwei­te Fern­se­her im Schlaf­zim­mer.

Die zwei­te Ent­wick­lung stellt die Ver­kür­zung der Arbeits­zeit dar: den voll­erwerbs­tä­ti­gen Gesell­schafts­mit­glie­dern steht nun mehr Frei­zeit zur Ver­fü­gung. In die­ser kön­nen sie ihren eige­nen Inter­es­sen nach­ge­hen. Der Anteil der Abitu­ri­en­ten sowie Stu­den­ten nimmt anhal­tend zu. Eine Viel­zahl von Men­schen hat eine bes­se­re Chan­cen des sozia­len Auf­stiegs über eine beruf­li­che Kar­rie­re erlangt. Höhe­re Bil­dung bedeu­tet in die­sem Fall aller­dings nicht nur bes­se­re Kar­rie­re­chan­cen, son­dern auch die Stei­ge­rung kogni­ti­ver Fähig­kei­ten. Dies führt wie­der­um dazu, dass die Men­schen über das eige­ne Leben und sich selbst nach­den­ken.

Welche Folgen hat die Multioptionsgesellschaft?

In einer Gesell­schaft, in der nun jeder nahe­zu alles bekom­men und auch besit­zen kann, möch­te sich nie­mand mehr fest­le­gen. Der Kreis­lauf ist extrem zer­stö­re­risch und der Scha­den für die Zukunft  ist in der Gegen­wart noch nicht abzu­se­hen. Die Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft stellt in jedem Lebens­be­reich Dut­zen­de, Hun­der­te oder sogar Tau­sen­de von Optio­nen bereit. Jeder ein­zel­ne muss ver­su­chen, die für sich pas­sen­de Vari­an­te zu fin­den. Jedoch immer wie­der mit der Gewiss­heit, dass es Alter­na­ti­ven gibt, die bes­ser als die gewähl­te Mög­lich­keit gewe­sen wären.

Folgen der Multioptionsgesellschaft in Puncto Partnerschaft

Die Part­ner­schaft bleibt selbst­ver­ständ­lich von die­sem Wan­del nicht ver­schont. Freund­schaf­ten, Part­ner­schaf­ten sowie Fami­lie – das kom­plet­te sozia­le Umfeld eines Men­schen wird durch den Wan­del der Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft geprägt. In der Part­ner­schaft sowie in der Lie­be ste­hen die meis­ten mitt­ler­wei­le vor einem unüber­sicht­li­chen Cha­os. Ein Phä­no­men der Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft ist, dass man lie­ber mit frem­den Men­schen über sei­ne Pro­ble­me spricht anstatt mit Freun­den, der Fami­lie oder dem Part­ner.

In Part­ner­schaf­ten wird längst nicht mehr so viel kom­mu­ni­ziert wie noch vor der Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft. Der Grund hier­für ist, dass jeder lie­ber den Weg des gerings­ten Wider­stands geht. In der Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft ist es mitt­ler­wei­le nahe­zu ange­se­he­ner, einer unbe­kann­ten Per­son Geld dafür zu bezah­len, um bei unse­rem See­len­heil zu hel­fen, anstatt sich im Krei­se der Fami­lie oder Freun­de aus­zu­tau­schen. Sich mit Pro­ble­men aus­ein­an­der­zu­set­zen und die­se zu dis­ku­tie­ren, bedeu­tet Kraft­auf­wand. Da ist es tat­säch­lich für den Moment ange­neh­mer, die­se zu akzep­tie­ren und gege­be­nen­falls den Part­ner aus­zu­tau­schen.

Die reine Monogamie hat ausgedient bei den Jüngeren

Noch nie wur­den so vie­le Ehen geschie­den wie heu­te in der Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft. Das liegt eben auch dar­an, dass die Viel­zahl der Men­schen sich nicht mit dem zufrie­den geben kann, was sie hat. In der Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft ist es kei­nes­wegs ver­pönt, mehr­mals hin­ter­ein­an­der zu hei­ra­ten oder häu­fig wech­seln­de Part­ner­schaf­ten zu füh­ren. So ist es doch ein Leich­tes, den Part­ner ein­fach gegen einen "bes­se­ren" Part­ner aus­zu­tau­schen. Denn man hat in der Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft immer wie­der das Gefühl, dass dies doch noch nicht alles gewe­sen sein kann und ein ande­rer Part­ner, der noch bes­ser zu einem passt, irgend­wo auf einen war­tet. In frü­he­ren Gesell­schaf­ten durch­dran­gen sozia­le Zwän­ge und Nor­men das gesell­schaft­li­che Leben noch mehr als heu­te.

Der Auf­fas­sung, dass Sex ein­zig und allein mit dem Part­ner statt­zu­fin­den hat, ist eben­falls eini­ges ent­ge­gen­zu­set­zen. Gera­de jün­ge­re Gene­ra­tio­nen der Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft leben nicht mehr in rei­ner Mono­ga­mie. Die Hemm­schwel­le zu Sei­ten­sprün­gen wird immer grö­ßer. Sozia­le Medi­en, wie Face­book, Insta­gram, Snap­chat, Whats­App oder auch diver­se Inter­net­por­ta­le wie blau​kon​takt​.com, gold​kon​takt​.com und flirt​le​ben​.com schaf­fen hier ein leich­tes Spiel. Fremd­gän­gern sind kei­ne Gren­zen mehr gesetzt. War­um soll man sich auf Sex mit dem Part­ner beschrän­ken, wenn man ein wenig Abwechs­lung ins Leben brin­gen und mit einer ande­ren (attrak­ti­ve­ren) Per­son viel­leicht viel schö­ne­ren Sex haben kann?

Hier setzt das Lebens­mo­dell der Poly­amo­rie einen neu­en Akzent: tra­di­tio­nel­le Wer­te, die wie frü­her gelebt wer­den, kom­bi­niert mit meh­re­ren Part­ner­schaf­ten. Kei­ne Poly­ga­mie, kein Hüp­fen von Bett zu Bett, son­dern ver­läss­li­che, ver­trau­ens­vol­le Bin­dun­gen, bei denen sich im Ide­al­fall alle betei­lig­ten Part­ner ken­nen, mögen und vor allem auch schät­zen.

Was die Multioptionsgesellschaft für Familie bedeutet

Das Sprich­wort "Blut ist dicker als Was­ser" ist heu­te in der Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft nicht mehr so zutref­fend wie noch vor weni­gen Gene­ra­tio­nen. Fami­li­en leben nicht mehr zusam­men unter einem Dach. Denn jede Gene­ra­ti­on ent­schei­det für sich, wie und wo sie leben möch­te. Zwar han­delt es sich um Geschwis­ter und Eltern, aber auch die­se kann man auf Abstand hal­ten. Frei nach dem Mot­to "In der Zeit, die ich für die Fami­lie inves­tie­re, könn­te ich ande­re span­nen­de Din­ge ver­säu­men."  – Mit den Eltern oder Groß­el­tern am Sonn­tag­nach­mit­tag Kaf­fee zu trin­ken, kann doch nicht alles gewe­sen sein. An die­ser Stel­le soll­te man sich jedoch fra­gen, ob der immer wie­der­keh­ren­de Durst nach Mehr der Fak­tor sein soll, der das Leben der Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft bestimmt.

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